Zu den bemerkenswertesten Funden aus dem römischen Militärlager Gholaia zählt eine große Anzahl militärischer Aufzeichnungen auf Ostraka – beschrifteten Tonscherben, die einen seltenen Einblick in die letzten Jahre der römischen Präsenz am Limes Tripolitanus in der römischen Provinz Africa proconsularis ermöglichen. Offenbar wurden die täglich angefertigten Berichte des Grenzschutzes sowie die umfangreiche Dienstkorrespondenz regelmäßig auf einen Müllberg außerhalb des Lagers entsorgt. Für den TLL-Artikel repungo durfte ich 33 solche Scherben genauer betrachten, da dort dieses Lemma vorkommt. Es handelt sich immer um Listen aus den Jahren 253 bis 259 mit den Aufgaben des Tages. Hier ein Beispiel, das ich selber auch nicht lesen kann, aber zum Glück Experten gelesen haben:
WeiterlesenSchlagwort-Archive: Thesaurus linguae Latinae
Rot bei den Römern
Der Thesaurus linguae Latinae ist am Ende des Buchstabens R gekommen. Auffällig oft durften wir zum Schluss rot sehen: Offenbar unterschied man im antiken Rom zahlreiche Rottöne, von denen sich rund zwanzig Adjektive bei R nachweisen lassen, die sich meistens von dem Indoeuropäischen Wurzel *h₁reudh- herleiten lassen.
ruber
Das Grundwort für „rot“ ist ruber, abgeleitet vom Wurzel *h₁reudh-. Es konnte ein breites Spektrum bezeichnen – von feuerroten, zinnoberroten, scharlach-, blut- oder karminroten Nuancen bis hin zu Tönen, die ins Orangene spielten, etwa Safran- oder Goldfarben. Auch körperliche Reaktionen waren sprachlich erfasst: Man konnte erröten, und entsprechend bezeichnet rubor nicht nur die Röte selbst, sondern auch Schamhaftigkeit. Daneben existierten zahlreiche Differenzierungen:
WeiterlesenEin Gespräch bei Gellius über Farben
Aulus Gellius berichtet in seinem Buch Noctes Atticae von einem interessanten Gespräch über Farben zwischen dem Philosophen Favorinus und Marcus Fronto. Interessant ist, dass wirklich über die linguistische Bedeutungen von bestimmten Farbwörtern geredet wird und nicht über das Mischen von Pigmenten. Favorinus sagt:
WeiterlesenEs gibt mehr Unterschiede in den Wahrnehmungen der Augen als in den Wörtern und Ausdrücken für Farben. Denn um andere Unzulänglichkeiten zu übergehen: Die einfachen Farben Rot (rufus) und Grün (viridis) haben zwar jeweils ein einziges Wort, aber viele verschiedene Ausprägungen. Und diesen Mangel an Wörtern sehe ich eher in der lateinischen als in der griechischen Sprache. Zwar ist die Farbe rufus vom rubor (Röte) benannt, doch obwohl Feuer anders rötet als Blut, anders Purpur, anders Safran, anders Gold, bezeichnet die lateinische Sprache diese einzelnen Varianten des Roten nicht mit eigenen, besonderen Wörtern, sondern fasst sie alle unter dem einen Ausdruck rubor zusammen – es sei denn, sie entlehnt die Bezeichnung aus der Sache selbst und sagt etwa feurig (igneus), flammend (flammeus), blutig (sanguineus), safranfarben (croceus), purpurn (ostrinus), golden (aureus). Denn die Farben russus und ruber leiten sich zwar vom Wort rufus ab, erklären aber nicht alle seine Eigenschaften. Dagegen scheinen ξανθός, ἐρυθρός, πυρρός, κιρρός und φοῖνιξ gewisse Abstufungen des Roten zu besitzen, indem sie es entweder steigern, abschwächen oder durch eine gemischte Nuance abtönen.
Gellius 2, 26
Die wichtigsten Prinzipien der Darstellung im Thesaurus linguae Latinae 3
Hier folgt der dritte und letzte Teil eines Vortrags, der Peter Flury Anfang der neunziger Jahre gehalten hat. Sehr schön erklärt er in diesem Teil die Entstehung des TLL Artikels pavio. (Teil 1 und 2 finden Sie hier bzw. hier)
Mein dritter Punkt betrifft die Reihenfolge der einzelnen Abschnitte innerhalb eines Artikels. Da bieten sich in erster Linie die folgenden beiden Prinzipien an: systematischer oder chronologischer Aufbau. Im ersten Fall beginnt der Lexikograph mit derjenigen Bedeutung, welche er auf Grund der Etymologie und von seinen Überlegungen zur Geschichte des Wortes als die ursprüngliche annehmen möchte, auch wenn andere Bedeutungen vielleicht früher bezeugt sind. Bei der chronologischen Anordnung soll diejenige Verwendung des Wortes am Anfang stehen, welche in den ältesten Quellen vorkommt.
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Die wichtigsten Prinzipien der Darstellung im Thesaurus linguae Latinae 2
Hier folgt Teil 2 eines Vortrags, der Peter Flury Anfang der neunziger Jahre gehalten hat. Sehr schön erklärt er im zweiten Teil den Aufbau des TLL Artikels osculum (Teil 1 finden Sie hier).
Auch mein zweiter Punkt befasst sich mit dem Aufbau der Gliederung. Natürlich wäre die Benutzung des Wörterbuches leichter, wenn alle Artikel mehr oder weniger nach einem Normalschema aufgebaut wären. Aber ein solcher Schematismus müsste notwendigerweise dazu führen, dass gerade die interessanten Besonderheiten der einzelnen Wörter in der Darstellung untergingen. Die Artikel würden dann vielfach nur das enthalten, was man aus den bisherigen Wörterbüchern schon kennt, wenn auch mit einer grösseren Zahl von Beispielen. Um diese Gefahr zu vermeiden, halten wir am Thesaurus daran fest, dass im Prinzip jede Disposition ad hoc entwickelt wird, damit sie der individuellen Geschichte des einzelnen Wortes möglichst gut angepasst werden kann.
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Die wichtigsten Prinzipien der Darstellung im Thesaurus linguae Latinae
Teil 1 libertas
Hier folgt ein Vortrag, der Peter Flury Anfang der neunziger Jahre gehalten hat. Sehr schön erklärt er im ersten Teil den Aufbau des TLL Artikels libertas.
Wörterbücher sind nicht Literatur als Selbstzweck, sondern Hilfsmittel, Arbeitsinstrumente. Wer ein Wörterbuch macht, wird sich also immer darum bemühen müssen seine Arbeit so zu präsentieren, dass der Benutzer möglichst leicht finden kann, was er sucht. Je grösser und materialreicher ein Wörterbuch ist, umso wichtiger, aber auch umso schwieriger wird diese Aufgabe.
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Der Thesaurus linguae Latinae als Geschenk an Mussolini

Im Oktober 1931 berichten die Zeitungen ausführlich über den Besuch des italienischen Außenministers Dino Grandi in Berlin.

Zu dieser Zeit waren Italien und Deutschland sich in mehreren internationalen Fragen, wie Abrüstung, Schulden und Reparationen, einig. Grandi diskutierte mit Reichskanzler Heinrich Brüning (Kabinett Brüning II) über diese Themen. Zurück in Rom überreichte Grandi dem Duce als Gastgeschenk der deutschen Regierung etwas sehr Bemerkenswertes: vier (in Wirklichkeit waren es fünf, siehe unten) Bände des Thesaurus linguae Latinae, wie aus obenstehendem Zeitungsausschnitt hervorgeht. Mussolini bedankte sich umgehend für dieses Geschenk, wobei er vor allem das Aussehen der Bände lobt:
WeiterlesenSklavenhalsbänder
Nun ein ganz anderes Thema, wo wir auch revocare finden (siehe vorigen Beitrag zu Wagenlenkern): Sklavenhalsbänder. Es gibt ca. 45 erhaltene Sklavenhalsbänder, die alle aus dem vierten bis fünften Jahrhundert stammen. Die meisten wurden in Rom und Mittelitalien gefunden. Die Halsbänder waren entweder auf dem Halsband selbst oder auf einem Anhänger beschriftet, wie man auf den Bildern sehen kann. Die Inschriften auf diesen Halsbändern und Anhängern fordern den Betrachter in der Regel auf, den Träger davon abzuhalten, wegzulaufen.
WeiterlesenCIL 15, 7183 Tene me ne fugia(m), revocas me in regione pr(i)ma Aurelio.
Halte mich fest, damit ich nicht fliehe, bring mich zurück in den ersten Bezirk zu Aurelius.
Rückruf der Wagenlenker
Im Zirkus stehen die Quadrigae der vier Parteien zum Start bereit: die Pferde der Weißen, Grünen, Roten und Blauen sind schon ungeduldig. Ein Magistrat lässt ein weißes Tuch fallen, die Boxen werden gleichzeitig geöffnet und die Pferde stürmen los. Bis zu einer bestimmten Linie müssen alle in ihrer Bahn bleiben, danach dürfen sie so nah an der Mittellinie laufen wie möglich. Nach ca. 7 Runden kommt das Finish und der Gewinner sollte feststehen. Es scheint aber manchmal zu einer Wiederholung des Rennens gekommen zu sein. Was wissen wir darüber?
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LATIN WORD OF THE YEAR 2024 – VOX ANNI MMXXIV
And the 2024 Latin Word of the Year is . . . RETOTATOTOTATO


Image from Päll 2004
This year’s winner––and by a very wide margin (60% of the vote)––is arguably not a word at all, but a sequence of syllables imitating a musical fanfare. The letters were scratched into the wall of a house in Pompeii shortly before the eruption of Vesuvius in 79 CE and have sometimes been mistaken for a magical formula. But, as Janika Päll has argued, the presence of Greek musical notes above the letters makes a musical interpretation likely. In fact, most of the syllables correspond to Greek vocables (TO TE TA) that represent musical pitches according to an ancient solmization system, a bit like the familiar “do re mi” (discussed by Annie Bélis and Armand D’Angour). A similar sequence in Greek appears on a 5th-century BCE clay thigh-guard next to a trumpet-playing Amazon: totē totote (Pöhlmann and West, Documents in Ancient Greek Music, nr. 1; listen to one rendition). Hence the association of our Latin “word” with a trumpet or wind instrument. Yet the syllable re, if it has been identified correctly, does not have a known pitch value. So maybe the “word” is something between an onomatopoeic coinage such as Ennius’s taratantara and a precise melodic transcription.

A special mention goes to the runner-up, revaleo “be well again”, with about 18.5% of the vote.
With a big Latin fanfare we wish all our readers a good start to 2025, and we thank all the participants who voted in and shared this contest!
This year we have to add an important correction––retroactim, so to speak––noticed by Mark Thakkar: the word reteiaclor is in fact already in the Oxford Latin Dictionary, so it should not have been included among the finalists. An attractive alternative etymology for this word from rete-iac(u)lor (rather than retiaculum) has also been mentioned by Michael Weiss.
Previous Latin Words of the Year can be found here. For more information about the Thesaurus linguae Latinae, please visit our website, follow our blog and podcast. If you want to learn more about how a Latin dictionary is made, consider applying to the 2025 TLL Latin Lexicography Summer School.
Text by Massimo Cè (University of Basel) and Adam Gitner (Thesaurus linguae Latinae).
Latin Word of the Year 2024
The vote for Latin Word of the Year 2024 is now closed. The results can be found here.
With the Vox Anni contest now in its third season, the Thesaurus linguae Latinae community is excited to share with you the contestants for Latin Word of the Year 2024. (Learn more about the previous winners, rescellula and resocio.)
Whether you are a professional Classicist, a fan of sword-and-sandal cinema, or simply Latin-curious, we invite you to choose your favorite word from the five finalists below. Polls will remain open until December 19, 2024, midnight (Central European Time). The winner will be announced on this blog on December 20 and via social media.
The finalists for this year’s Latin Word of the Year are (in alphabetical order):
Weiterlesen500 Jahre alte Ausgabe von Flavius Josephus

Diesen Monat feiern wir einen besonderen Geburtstag (oder -monat): das vermutlich älteste Buch in der Bibliothek des Thesaurus linguae Latinae ist 500 Jahre alt geworden! Es enthält Texte, die immer noch als Referenzausgabe für den TLL gelten, da es seitdem keine neuere Edition gegeben hat! Es geht um lateinische Übersetzungen aus der Antike von drei Werken von Flavius Josephus: De antiquitatibus Iudaeorum, De bello Iudaico und De antiquitatibus contra Appionem grammaticum Alexandrinum. In der Ausgabe hinzugefügt wurde das 4. Makkabäerbuch. Man kann einen Scan eines anderen Exemplars im Münchner Digitalisierungszentrum ansehen.
Mulier und femina
Latein hat zwei Wörter für Frau: mulier und femina. Gibt es da einen Unterschied?
Etymologie
Das Wort femina kommt aus dem Indoeuropäischen und bedeutet etwas wie ‘die Säugende‘. In der Antike wusste man dies nicht mehr und hat sich etwas anderes ausgedacht. So verbindet Isidor es mit femur, dem Oberschenkel, oder auch dem männlichen Glied. Als alternativ gibt er eine griechische Etymologie und verbindet es mit Feuer, da eine Frau heftiges Verlangen haben sollte (ein damals weit verbreitetes Vorurteil). Was er damit genau meint, ist unklar.
WeiterlesenI longa

Das I longa oder großes I ist eine über die Zeile hinausragendes I in lateinischen Inschriften. Wir sehen einige Beispiele in dieser Inschrift, gleich der erste Buchstabe ragt über die oberen Linie hinaus. Zur Markierung eines langen i wurde es vom 1. Jhr. v. Chr. an verwendet.
WeiterlesenHeinz Haffter (1905-1998)
Heinz Haffter war der sechste Generalredaktor am Thesaurus linguae Latinae, der erste Schweizer an dieser Stelle. Nach dem ersten Lateinunterricht im Pfarrhaus von Berg zog Haffters Familie 1921 in die Gegend von Winterthur, wo er das altsprachliche Gymnasium besuchte und 1924 die Matura ablegte. Im selben Jahr begann Haffter ein Studium der klassischen Philologie an der Universität Zürich. 1926 wechselte er an die Universität Kiel, wo er bei Felix Jacoby, Eduard Fraenkel und Giorgio Pasquali (Gastdozent) zwei Jahre lang studierte. Er übernahm dort bei einer Plautusaufführung die Regie. Seinem Lehrer Fraenkel folgend wechselte er 1928 nach Göttingen und 1931 nach Freiburg i.B., wo er 1932 mit der Dissertation Untersuchungen zur altlateinischen Dichtersprache promoviert wurde.

